Eine Operation bei Prostatakrebs soll den Tumor zuverlässig behandeln und die Lebensqualität möglichst wenig beeinträchtigen. Für viele Männer ist dabei die Frage wichtig, wie schnell sie nach dem Eingriff die Kontrolle über ihre Blase zurückgewinnen. Ein Forschungsteam unter Führung von Priv.-Doz. Dr. Jörn H. Witt aus Düsseldorf hat nun erste Ergebnisse einer neuen Operationstechnik veröffentlicht, die genau hier ansetzt (Farzat et al., Cancers, 2026).
Was ist ToP-RAP?
ToP-RAP steht für „Total en bloc Urethra Preservation at Robot-Assisted Prostatectomy“. Bei dieser roboterassistierten Operation wird die Prostata entfernt, während der innerhalb der Prostata verlaufende Abschnitt der Harnröhre vollständig und zusammenhängend erhalten bleibt (Farzat et al., Cancers, 2026). Anders als bei der herkömmlichen radikalen Prostatektomie muss die Harnröhre dann nicht durchtrennt und anschließend wieder mit der Blase vernäht werden (Farzat et al., Cancers, 2026).
Die Idee dahinter: Wenn die natürliche Verbindung und wichtige Strukturen für den Harnverschluss geschont werden, könnte die Harnkontrolle komplett erhalten bleiben. Ob dieser Ansatz tatsächlich bessere Ergebnisse erzielt als etablierte Operationsverfahren, war bisher nicht bekannt (Farzat et al., Cancers, 2026).
Tumorkontrolle bleibt entscheidend
Der Erhalt der Harnröhre darf nicht zulasten der Krebsbehandlung gehen. Deshalb untersuchten die Operateure während des Eingriffs Gewebe an den Schnitträndern; außerdem kontrollierten sie die Durchblutung der erhaltenen Harnröhre mit einem Fluoreszenzverfahren (Farzat et al., Cancers, 2026). Wenn sich die Harnröhre nicht sicher erhalten ließ oder ein Schnittrand am Harnröhrenbereich Tumorzellen zeigte, erfolgte eine Umwandlung in die übliche roboterassistierte Prostataoperation (Farzat et al., Cancers, 2026).
Wie wurde die Methode untersucht?
Die prospektive Untersuchung wurde an zwei Standorten, in Siegen und Düsseldorf, durchgeführt. Insgesamt begannen 47 ausgewählte Männer die Operation mit dem Ziel, die Harnröhre zu erhalten; bei 39 gelang das geplante Verfahren, bei acht wurde während der Operation auf das Standardverfahren gewechselt (Farzat et al., Cancers, 2026). In die jetzt veröffentlichten detaillierten Ergebnisse gingen 16 der 39 Männer ein, für die bereits mindestens sechs Monate Nachbeobachtung vorlagen; die übrigen werden weiter beobachtet (Farzat et al., Cancers, 2026).
Die Methode kam nur für sorgfältig ausgewählte Patienten mit begrenzter Tumorausdehnung und weiteren vorab festgelegten Voraussetzungen infrage. Zu den Kriterien gehörten unter anderem ein PSA-Wert von höchstens 15 ng/ml, ein Prostatavolumen von höchstens 80 ml und ein Biopsiebefund bis ISUP-Grad 3; bestimmte ungünstige Tumormerkmale waren ausgeschlossen (Farzat et al., Cancers, 2026). Die Eingriffe führten zwei sehr erfahrene Roboterchirurgen durch, darunter Dr. Witt mit einer Erfahrung von mehr als 12.000 Robotereingriffen (Farzat et al., Cancers, 2026).
Was zeigen die ersten Ergebnisse?
Harnkontrolle
Bei der ersten Beurteilung nach Entfernung des Katheters, etwa drei bis sechs Tage nach der Operation, waren 14 von 16 Männern nach der verwendeten ärztlichen Einstufung kontinent. Ein weiterer Patient erreichte diesen Zustand später, sodass insgesamt 15 von 16 Männern während der Beobachtungszeit als kontinent eingestuft wurden (Farzat et al., Cancers, 2026).
Dabei ist die Definition wichtig: Im gesamten Beobachtungszeitraum kamen 12 von 16 Männern vollständig ohne Einlage aus. 15 von 16 benötigten keine oder höchstens eine Sicherheitsvorlage; diese sogenannte soziale Kontinenz ist nicht dasselbe wie vollständige Vorlagenfreiheit (Farzat et al., Cancers, 2026).
Sicherheit und Krebsnachsorge
Bei einem der 16 Männer zeigte die endgültige Gewebeuntersuchung einen positiven Schnittrand. Eine behandlungsbedürftige Komplikation, eine Faszien- beziehungsweise Wunddehiszenz, wurde berichtet; weitere Komplikationen wurden innerhalb von 90 Tagen nicht dokumentiert (Farzat et al., Cancers, 2026). Nach einer medianen Nachbeobachtung von 7,2 Monaten gab es in dieser kleinen Gruppe keinen nach den Studienkriterien festgestellten PSA-Rückfall und keine zusätzliche Krebstherapie (Farzat et al., Cancers, 2026).
Das ist eine Momentaufnahme, kein Nachweis einer dauerhaft sicheren Tumorkontrolle. Gerade bei einer neuen Operationstechnik sind längere PSA-Nachsorge und Untersuchungen auf mögliche Spätfolgen erforderlich (Farzat et al., Cancers, 2026).
Was bedeuten die Ergebnisse für Patienten?
Die Studie zeigt, dass sich die Harnröhre bei ausgewählten Patienten mit dieser Technik erhalten lässt und die Harnkontrolle in der untersuchten Gruppe häufig früh zurückkehrte. Sie zeigt nicht, dass ToP-RAP einer herkömmlichen Prostataoperation überlegen ist: Dafür fehlen eine direkte Vergleichsgruppe, größere Patientenzahlen und eine längere Nachbeobachtung (Farzat et al., Cancers, 2026). Auch die Ergebnisse der beiden hochspezialisierten Operateure lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Behandlungssituationen übertragen (Farzat et al., Cancers, 2026).
Welche Behandlung bei Prostatakrebs sinnvoll ist, hängt unter anderem von Tumorbefund, Bildgebung, persönlichen Prioritäten und gesundheitlicher Situation ab (Urokompetenz: Prostatakrebs). Neben einer Operation können je nach Befund auch andere Behandlungswege oder eine aktive Überwachung zu besprechen sein (Urokompetenz: Behandlungsmöglichkeiten).
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