Der ehrliche Zeitplan: Wann klappt es wieder im Bett nach einer Prostata-OP?

Wecker und blaue Prostatakrebs-Schleife am Bett als Symbol für die Erholungszeit der Erektionsfähigkeit nach einer Prostata-OP

Die Diagnose ist verdaut, der Tumor operativ entfernt. Nach der Entlassung aus der Klinik steht für meine Patienten fast immer eine unausgesprochene Frage im Raum, die tief mit der eigenen Identität verknüpft ist. Ich greife das Thema Sexualität im Gespräch bewusst von mir aus auf. Durch meine persönliche Erfahrung aus über 12.000 da Vinci-Operationen kenne ich die drückende Sorge vor dem dauerhaften Verlust der Erektionsfähigkeit ganz genau.

Vergessen Sie die Extreme.

Es wird weder am Tag der Entlassung aus unserer Klinik sofort alles wieder wie früher funktionieren, noch ist Ihr Liebesleben für immer beendet. Die Realität erfordert schlichtweg Geduld und eine aktive Unterstützung der Erektionsfunktion. Nervenstränge um die Prostata verhalten sich bei Eingriffen wie extrem nachtragende Diven.

Um den Krebs sicher zu entfernen, schälen wir die Prostata submillimetergenau aus dem umgebenden Gewebe, in dem auch die Nerven für die Erektion verlaufen, heraus. Dieser mechanische Reiz versetzt die haarfeinen Bahnen, die für Ihre Erektion zuständig sind, in einen Schockzustand. Sie können ihre Arbeit vorübergehend einstellen. Dieses nennt sich Neuropraxie. Selbst bei der präzisesten, beidseitig nervenschonenden Roboter-Operationstechnik benötigt Ihr Gewebe oft Zeit zur Regeneration.

Wer nach vier Wochen verzweifelt aufgibt, tut seinem Körper Unrecht. Ein Heilungsprozess von mehreren Monaten, unter Umständen bis mehrere Jahre, ist die medizinische Normalität.

Langzeitdaten

Die Erektionsfähigkeit kann sich auch nach dem ersten Jahr weiter erholen

Potenzraten nach bilateral nervenschonender roboterassistierter radikaler Prostatektomie bei 542 Männern, aufgeteilt nach Alter

nach 1 Jahr nach 3 Jahren
bis 54 Jahre
64,2 %
77,9 %
55–59 Jahre
52,3 %
67,0 %
60–64 Jahre
36,6 %
50,5 %
65 Jahre und älter
20,7 %
35,0 %
Erholung braucht Zeit
In allen vier Altersgruppen lag die Potenzrate nach drei Jahren höher als nach einem Jahr. Alter und Erektionsfähigkeit vor der Operation beeinflussten die Erholung deutlich.
Die Daten stammen aus einer retrospektiven Kohorte von 542 Männern nach bilateral nervenschonender roboterassistierter radikaler Prostatektomie. Eingeschlossen wurden Männer mit präoperativem SHIM-Score ≥17; Patienten mit postoperativer Hormon- oder Strahlentherapie wurden ausgeschlossen. Potenz war als eine für Penetration ausreichende Erektion (Erection Hardness Score 3–4) definiert. Die Patienten erhielten postoperativ PDE-5-Hemmer; die Werte stellen daher keine ausschließlich spontane, unbehandelte Erektionsfähigkeit dar und sind nicht auf jeden Patienten übertragbar. Quelle: Arezki A, Sadri I, Zakaria AS et al. Age-stratified potency outcomes of bilateral nerve sparing robotic-assisted radical prostatectomy. Canadian Journal of Urology. 2023;30(1):11424–11431. PMID: 36779949 .

Geduld ist wichtig, zusätzliche Maßnahmen können die Erektionsfähigkeit während der Erholungsphase jedoch unterstützen. Der Schwellkörper im Penis verhält sich im Grunde wie ein Muskel. Fließt über längere Zeit kein frisches, sauerstoffreiches Blut hindurch, kann das Gewebe verkümmern. Genau hier setzen wir mit der sogenannten penilen Rehabilitation an. Wir überlassen Ihre Erholung nicht dem Zufall.

Bei präoperativ bestehender Potenz verordnen wir Tadalafil (ein PDE-5-Hemmer) in unserer Klinik direkt nach der OP. Ihr primärer Zweck ist anfangs nicht der sofortige Geschlechtsverkehr. Diese Tabletten sollen vielmehr die nächtliche, unbewusste Durchblutung im Schlaf ankurbeln. Das soll die Durchblutung des Schwellkörpergewebes während der Erholungsphase unterstützen.

Unterstützt werden kann die Rehabilitation durch eine Vakuumpumpe. Ein Zylinder erzeugt dabei einen Unterdruck und saugt Blut passiv in den Penis. Regelmäßig angewendet, kann dieses rein mechanische Verfahren die Durchblutung des Schwellkörpers unterstützen. Alternativ schulen wir Sie in der Schwellkörperautoinjektionstherapie (SKAT). Sie spritzen sich dabei mit einer winzigen Nadel ein gefäßerweiterndes Medikament direkt in den Penis, um eine Erektion künstlich hervorzurufen.

Randomisierte Studie

Tadalafil unterstützt die frühe Erektionsfähigkeit – spontane Erholung bleibt individuell

REACTT-Studie mit 423 Männern nach bilateral nervenschonender radikaler Prostatektomie: Anteil mit IIEF-EF ≥ 22 zu mindestens einem Zeitpunkt während der 9-monatigen Behandlung

Tadalafil 5 mg täglich 29,5 %
Tadalafil 20 mg bei Bedarf 23,9 %
Placebo 18,4 %
Nach 6 Wochen ohne Medikament
Einen IIEF-EF ≥ 22 erreichten 20,9 % nach täglichem Tadalafil, 16,9 % nach Tadalafil bei Bedarf und 19,1 % nach Placebo. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant.
Wichtig für die Einordnung: PDE-5-Hemmer können die medikamentös unterstützte Erektionsfähigkeit nach der Operation verbessern. Ein dauerhafter Vorteil für die spontane Erektionsfähigkeit nach Absetzen der Behandlung ist dagegen bislang nicht sicher belegt.
REACTT war eine multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie. Eingeschlossen wurden 423 Männer bis 68 Jahre mit normaler Erektionsfähigkeit vor einer bilateral nervenschonenden radikalen Prostatektomie. Die Patienten erhielten für neun Monate Tadalafil 5 mg täglich, Tadalafil 20 mg bei Bedarf oder Placebo. Anschließend folgte eine sechswöchige medikamentenfreie Phase. Als Erholung wurde ein IIEF-EF-Score ≥22 definiert. Quellen: Moncada I, de Bethencourt FR, Lledó-García E et al. Effects of tadalafil once daily or on demand versus placebo on time to recovery of erectile function in patients after bilateral nerve-sparing radical prostatectomy. World Journal of Urology. 2015;33(7):1031–1038. DOI: 10.1007/s00345-014-1377-3 . Montorsi F, Brock G, Stolzenburg JU et al. Effects of tadalafil treatment on erectile function recovery following bilateral nerve-sparing radical prostatectomy: a randomised placebo-controlled study (REACTT). European Urology. 2014;65(3):587–596. DOI: 10.1016/j.eururo.2013.09.051 . Leitlinien-Einordnung: EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health – Management of Erectile Dysfunction .

Der Zeithorizont ist in der Praxis von Patient zu Patient sehr unterschiedlich: Bei einigen Patienten ist die Erektionsfähigkeit bereits nach 4 Wochen wieder vorhanden, bei anderen dauert es 6–12 Monate, bei einigen verbessert sich die Erektionsfähigkeit auch noch nach 2–3 Jahren.

Zwei Phänomene bleiben in der Beratung oft unangesprochen. Ich adressiere sie deshalb direkt. Wenn die Blase voll ist, kann beim Orgasmus unwillkürlich etwas Urin entweichen. Wir Mediziner nennen das Klimakturie. Das ist medizinisch in der Regel harmlos. Entleeren Sie Ihre Blase einfach vor dem Geschlechtsverkehr. Manche Patienten verwenden auch ein Kondom weil sie sich hiermit sicherer fühlen.

Der Höhepunkt selbst kann weiterhin erlebt werden, sein Empfinden kann sich nach der Operation jedoch verändern. Ein Samenerguss bleibt aber aus, da die Prostata und die Samenbläschen, die den Hauptteil der Samenflüssigkeit produzieren, entfernt wurden. Dies wird trockener Orgasmus genannt. Ein Orgasmus ist grundsätzlich weiterhin möglich.

Lust und sexuelle Erregung entstehen in Ihrem Gehirn. Die rhythmischen Muskelkontraktionen im Beckenboden spüren Sie weiterhin sehr deutlich. Eine natürliche Zeugung durch Geschlechtsverkehr ist nach dem Eingriff nicht mehr möglich. Das tiefe Erleben von Sexualität geht jedoch weiter. Körperliche Nähe bleibt während der gesamten Erholungszeit ausdrücklich erlaubt. Zärtlichkeit, Intimität und sexuelle Stimulation ohne Leistungsdruck können helfen, Sexualität während der Erholungszeit positiv zu erleben und Leistungsdruck abzubauen. Geben Sie sich und Ihrer Partnerschaft die Erlaubnis, Sexualität vorübergehend neu zu definieren.