Die Diagnose ist verdaut, der Tumor operativ entfernt. Nach der Entlassung aus der Klinik steht für meine Patienten fast immer eine unausgesprochene Frage im Raum, die tief mit der eigenen Identität verknüpft ist. Ich greife das Thema Sexualität im Gespräch bewusst von mir aus auf. Durch meine persönliche Erfahrung aus über 12.000 da Vinci-Operationen kenne ich die drückende Sorge vor dem dauerhaften Verlust der Erektionsfähigkeit ganz genau.
Vergessen Sie die Extreme.
Es wird weder am Tag der Entlassung aus unserer Klinik sofort alles wieder wie früher funktionieren, noch ist Ihr Liebesleben für immer beendet. Die Realität erfordert schlichtweg Geduld und eine aktive Unterstützung der Erektionsfunktion. Nervenstränge um die Prostata verhalten sich bei Eingriffen wie extrem nachtragende Diven.
Um den Krebs sicher zu entfernen, schälen wir die Prostata submillimetergenau aus dem umgebenden Gewebe, in dem auch die Nerven für die Erektion verlaufen, heraus. Dieser mechanische Reiz versetzt die haarfeinen Bahnen, die für Ihre Erektion zuständig sind, in einen Schockzustand. Sie können ihre Arbeit vorübergehend einstellen. Dieses nennt sich Neuropraxie. Selbst bei der präzisesten, beidseitig nervenschonenden Roboter-Operationstechnik benötigt Ihr Gewebe oft Zeit zur Regeneration.
Wer nach vier Wochen verzweifelt aufgibt, tut seinem Körper Unrecht. Ein Heilungsprozess von mehreren Monaten, unter Umständen bis mehrere Jahre, ist die medizinische Normalität.
Die Erektionsfähigkeit kann sich auch nach dem ersten Jahr weiter erholen
Potenzraten nach bilateral nervenschonender roboterassistierter radikaler Prostatektomie bei 542 Männern, aufgeteilt nach Alter
Geduld ist wichtig, zusätzliche Maßnahmen können die Erektionsfähigkeit während der Erholungsphase jedoch unterstützen. Der Schwellkörper im Penis verhält sich im Grunde wie ein Muskel. Fließt über längere Zeit kein frisches, sauerstoffreiches Blut hindurch, kann das Gewebe verkümmern. Genau hier setzen wir mit der sogenannten penilen Rehabilitation an. Wir überlassen Ihre Erholung nicht dem Zufall.
Bei präoperativ bestehender Potenz verordnen wir Tadalafil (ein PDE-5-Hemmer) in unserer Klinik direkt nach der OP. Ihr primärer Zweck ist anfangs nicht der sofortige Geschlechtsverkehr. Diese Tabletten sollen vielmehr die nächtliche, unbewusste Durchblutung im Schlaf ankurbeln. Das soll die Durchblutung des Schwellkörpergewebes während der Erholungsphase unterstützen.
Unterstützt werden kann die Rehabilitation durch eine Vakuumpumpe. Ein Zylinder erzeugt dabei einen Unterdruck und saugt Blut passiv in den Penis. Regelmäßig angewendet, kann dieses rein mechanische Verfahren die Durchblutung des Schwellkörpers unterstützen. Alternativ schulen wir Sie in der Schwellkörperautoinjektionstherapie (SKAT). Sie spritzen sich dabei mit einer winzigen Nadel ein gefäßerweiterndes Medikament direkt in den Penis, um eine Erektion künstlich hervorzurufen.
Tadalafil unterstützt die frühe Erektionsfähigkeit – spontane Erholung bleibt individuell
REACTT-Studie mit 423 Männern nach bilateral nervenschonender radikaler Prostatektomie: Anteil mit IIEF-EF ≥ 22 zu mindestens einem Zeitpunkt während der 9-monatigen Behandlung
Der Zeithorizont ist in der Praxis von Patient zu Patient sehr unterschiedlich: Bei einigen Patienten ist die Erektionsfähigkeit bereits nach 4 Wochen wieder vorhanden, bei anderen dauert es 6–12 Monate, bei einigen verbessert sich die Erektionsfähigkeit auch noch nach 2–3 Jahren.
Zwei Phänomene bleiben in der Beratung oft unangesprochen. Ich adressiere sie deshalb direkt. Wenn die Blase voll ist, kann beim Orgasmus unwillkürlich etwas Urin entweichen. Wir Mediziner nennen das Klimakturie. Das ist medizinisch in der Regel harmlos. Entleeren Sie Ihre Blase einfach vor dem Geschlechtsverkehr. Manche Patienten verwenden auch ein Kondom weil sie sich hiermit sicherer fühlen.
Der Höhepunkt selbst kann weiterhin erlebt werden, sein Empfinden kann sich nach der Operation jedoch verändern. Ein Samenerguss bleibt aber aus, da die Prostata und die Samenbläschen, die den Hauptteil der Samenflüssigkeit produzieren, entfernt wurden. Dies wird trockener Orgasmus genannt. Ein Orgasmus ist grundsätzlich weiterhin möglich.
Lust und sexuelle Erregung entstehen in Ihrem Gehirn. Die rhythmischen Muskelkontraktionen im Beckenboden spüren Sie weiterhin sehr deutlich. Eine natürliche Zeugung durch Geschlechtsverkehr ist nach dem Eingriff nicht mehr möglich. Das tiefe Erleben von Sexualität geht jedoch weiter. Körperliche Nähe bleibt während der gesamten Erholungszeit ausdrücklich erlaubt. Zärtlichkeit, Intimität und sexuelle Stimulation ohne Leistungsdruck können helfen, Sexualität während der Erholungszeit positiv zu erleben und Leistungsdruck abzubauen. Geben Sie sich und Ihrer Partnerschaft die Erlaubnis, Sexualität vorübergehend neu zu definieren.




