Der trockene Orgasmus: Wie sich Ihr Höhepunkt nach der Prostata-OP verändert

Manche Männer sprechen über Sexualität immer noch ungern. In der klinischen Beratung ist die Erektionsfähigkeit und die Veränderung beim Samenerguss, neben der Tumorbeseitigung und der Kontinenz, eins von drei wichtigen Themen.

Auch wenn für etwa 50% der Patienten aufgrund einer vorbestehenden Erektionsstörung dieses Thema nachrangig ist, spielt es für die anderen 50% eine wichtige Rolle.

Die Prostata und die direkt anliegenden Samenbläschen werden bei der Operation entfernt. Beide Organe produzieren zusammen rund 95 Prozent der Flüssigkeit, die beim Samenerguss ausgeschieden werden. Fehlt die Quelle, bleibt das Ejakulat logischerweise aus. Für die Zeugungsfähigkeit auf natürlichem Weg ist das das definitive Ende.

Das bedeutet keinen Abschied vom Höhepunkt.

Ihre sexuelle Lust entsteht zwischen den Ohren. Das Gehirn steuert die Libido völlig unbeeindruckt davon, ob unten im Becken eine Drüse fehlt oder nicht. Die Testosteronproduktion in den Hoden bleibt durch die Prostataentfernung grundsätzlich erhalten. Das körperliche Erleben des Orgasmus kann sich nach der Operation verändern. Die rhythmischen Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur können beim Höhepunkt weiterhin auftreten. Ein Samenerguss bleibt nach der Operation aus.

Mediziner nennen das den trockenen Orgasmus.

Für das Erleben von Intimität ist dieser Zustand oft eine regelrechte Befreiung. Der Leistungsdruck fällt massiv ab. Paare, die diese veränderte Situation gemeinsam akzeptieren, berichten mir regelmäßig von einer neuen, sehr entspannten Sexualität. Der Orgasmus kann sich für manche Patienten nach der Erholungsphase ähnlich wie zuvor anfühlen. Manche beschreiben ihn durch den wegfallenden Druck sogar als deutlich intensiver. Frauen berichten teilweise, dass sie das Fehlen von Samenflüssigkeit als angenehm empfinden.

Wie verändert sich die Orgasmusfunktion nach der Operation?

Auch die wissenschaftlichen Daten zeigen, dass der Orgasmus nach einer radikalen Prostatektomie nicht einfach verschwindet – das Erleben kann sich allerdings von Patient zu Patient unterscheiden.

Eine prospektive Untersuchung von 499 Männern, veröffentlicht im Journal of Urology, verglich die Orgasmusfunktion vor und nach der Operation. Bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 36 Monaten war die Orgasmusfunktion bei 60,1 Prozent der Männer schlechter als vor der Operation. Bei 30,5 Prozent blieb sie unverändert und bei 9,4 Prozent hatte sie sich verbessert.

Geben Sie dem Körper nach dem Eingriff Zeit.

Die feinen Nervenbahnen brauchen Monate, um sich von dem operativen Trauma zu erholen. Erwarten Sie keine Wunder in den ersten Wochen nach der Operation.

Orgasmus und Erektion erholen sich nicht gleich schnell

Die gleiche Studie zeigt auch, warum Geduld nach dem Eingriff so wichtig ist. Die Erholung der Orgasmusfunktion erreichte bei den untersuchten Patienten nach ungefähr 15 bis 21 Monaten ein Plateau. Die Erholung der Erektionsfunktion benötigte mit ungefähr 21 bis 30 Monaten noch länger.

Das bedeutet nicht, dass nach diesen Zeiträumen bei jedem Patienten die frühere Funktion vollständig wiederhergestellt ist. Die Daten zeigen vielmehr, ab welchem Zeitraum sich die durchschnittliche Erholung in der untersuchten Patientengruppe nur noch wenig veränderte.

Quelle: Du K, Zhang C, Presson AP, Tward JD, Brant WO, Dechet CB. Orgasmic Function after Radical Prostatectomy. Journal of Urology. 2017;198(2):407–413. DOI: 10.1016/j.juro.2017.03.118.

Ein Begleitphänomen verschweigen viele Kollegen aus falscher Scham. Manchmal entweichen beim Höhepunkt ein paar Tropfen Urin. Entleeren Sie Ihre Blase einfach vor dem Sex. Ein Kondom kann zusätzlich verwendet werden. Teilweise wird auch ein klares Sekret aus Drüsen um die Harnröhre abgesondert. Beides ist medizinisch in der Regel harmlos.

Die harte Studienlage: Zahlen statt Scham

Die medizinische Forschung liefert zu diesem Thema unmissverständliche Fakten. Große Erhebungen im Journal of Urology untersuchen die Lebensqualität nach Prostataentfernung präzise. Die Daten zeigen: Veränderungen der Sexualität nach einer Prostataentfernung können Männer auch psychisch belasten. Die Klimakturie (der Urinverlust beim Höhepunkt) und das fehlende Ejakulat kratzen am eigenen Ego.

Manche Männer ziehen sich aus Verunsicherung auch körperlich zurück. Männer bewerten den trockenen Orgasmus als Verlust ihrer Männlichkeit. Sie schämen sich für eine funktionelle Konsequenz, die nach dem Eingriff normal ist.

Das große Missverständnis: Die Sicht der Partnerin

Dieses psychologische Gefälle kann Beziehungen gefährden. Klinische Paar-Befragungen offenbaren eine Diskrepanz zwischen den Geschlechtern.

Frauen werten die Situation völlig anders.

Das männliche Ejakulat ist für die körperliche Befriedigung der Partnerin keine Voraussetzung. Eine Studie zur Paar-Dynamik nach Prostatakrebs bringt es auf den Punkt: Veränderungen von Sexualität, Nähe und Intimität können auch die Partnerin belasten. Zieht sich der operierte Mann aus Scham zurück, fühlt sich die Ehefrau oft ungeliebt und abgewiesen. Sie bezieht die sexuelle Flaute fälschlicherweise auf ihre eigene Attraktivität.

Für viele Paare steht zunächst die erfolgreiche Behandlung der Krebserkrankung im Vordergrund.

Lassen Sie den falschen Stolz fallen. Holen Sie Ihre Partnerin sofort ins Boot. Ein offenes Gespräch am Küchentisch oder auch im Rahmen unserer Beratung bricht die Stille.

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