Testosteronmangel (Hypogonadismus) beim Mann: Symptome, Diagnostik und Therapie nach aktuellen Leitlinien

Urologe bespricht mit einem männlichen Patienten Blutwerte und Hormonkurven zur Diagnostik von Testosteronmangel

Fühlen Sie sich antriebslos, erschöpft oder lässt Ihr sexuelles Verlangen (Libido) nach?

Ein Testosteronmangel ist häufiger, als viele Männer denken – und er betrifft weit mehr als nur die Sexualität. Von Energie und Stimmung bis hin zu Muskelkraft und Knochengesundheit: Das Hormon Testosteron spielt eine Schlüsselrolle. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie Symptome erkennen, welche Ursachen dahinterstecken können und welche modernen Therapieoptionen helfen.

Testosteron ist das wichtigste männliche Geschlechtshormon. Es steuert Libido (Sexualtrieb) und Erektionsfähigkeit, beeinflusst Muskel- und Knochenstoffwechsel, die Blutbildung sowie Stimmung, Energie und Konzentration. Produziert wird es überwiegend in den Leydig-Zellen der Hoden; die Steuerung erfolgt über Strukturen im Gehirn (Hypothalamus und Hypophyse). Ein Teil des Testosterons ist an Transportproteine (SHBG = Sexualhormon-bindendes Globulin) gebunden, der freie Anteil ist biologisch aktiv – und entscheidend für viele Körperfunktionen.

„Andropause“? – Wechseljahre des Mannes?

Im Gegensatz zur Frau, die mit der Menopause einen abrupten Hormonstopp erlebt, gibt es beim Mann keine eigentliche „Andropause“. Der Begriff wird zwar manchmal als „Wechseljahre des Mannes“ verwendet, ist medizinisch aber irreführend. Tatsächlich sinkt der Testosteronspiegel beim Mann ab etwa dem 40. Lebensjahr langsam und stetig – beim Gesamttestosteron um etwa 1–2 % pro Jahr, beim freien Testosteron etwas weniger (ca. 0,4–1 % pro Jahr), da der SHBG-Spiegel mit dem Alter ansteigt und dadurch weniger Testosteron frei verfügbar ist.

Ob und wann Beschwerden entstehen, hängt stark vom Lebensstil, von Begleiterkrankungen und von der individuellen Empfindlichkeit ab. Manche Männer bemerken kaum Veränderungen, während andere deutliche Symptome entwickeln. Wichtig ist: Nicht jeder Mann mit niedrigeren Testosteronwerten hat automatisch einen behandlungsbedürftigen Mangel.

Typische Beschwerden

Ein Testosteronmangel kann sich in sehr unterschiedlichen Bereichen bemerkbar machen.

In der Sexualität durch nachlassendes Verlangen, weniger spontane Morgenerektionen und Erektionsstörungen.

Körperlich durch den Abbau von Muskelmasse und -kraft, die Zunahme von Bauchfett (insbesondere viszerales Fett = inneres Bauchfett), eine Brustdrüsenschwellung (Gynäkomastie), eine erniedrigte Knochendichte oder Blutarmut (Anämie).

Psychisch und im Schlaf durch Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen, Konzentrationsschwäche oder Schlafstörungen.

Diese Beschwerden allein reichen nicht aus, um einen Testosteronmangel zu beweisen. Sie erfordern eine ärztliche Abklärung.

Wie stark sind Ihre Beschwerden?

Wenn Sie sich in einigen der genannten Symptome wiedererkennen, können Sie mit dem AMS-Selbsttest (Aging Males’ Symptoms Score) eine erste Einschätzung bekommen. Der Fragebogen ist allerdings wenig spezifisch – viele der abgefragten Symptome können auch andere Ursachen haben. Er kann daher nur einen ersten Anhaltspunkt liefern und ersetzt keine ärztliche Untersuchung.

Ursachen: primär, sekundär, funktionell

Die Gründe für einen Testosteronmangel sind vielfältig:

Primärer Hypogonadismus: Störung im Hoden selbst, etwa durch Hodenentzündung (Orchitis), Verletzungen, Tumoren oder genetische Ursachen wie das Klinefelter-Syndrom.

Sekundärer Hypogonadismus: Störung im Hypothalamus/Hypophysen-Regelkreis – also in den übergeordneten Steuerzentren des Gehirns, die die Hoden zur Testosteronproduktion anregen.

Funktioneller oder Altershypogonadismus: Häufig bei Übergewicht, chronischen Entzündungen, Einnahme bestimmter Medikamente (z. B. Glukokortikoide = Kortisonpräparate, Opioide = starke Schmerzmittel) oder chronischen Erkrankungen.

Gerade bei der funktionellen Form kann eine Lebensstiloptimierung – also Gewichtsreduktion, mehr Bewegung, gesünderer Schlaf und Behandlung von Begleiterkrankungen – den Testosteronspiegel oft schon deutlich verbessern.

Diagnostik: so wird es sicher

Eine klare Diagnose erfordert mehr als nur einen Blutwert. Wichtig ist, dass zweimal morgens (zwischen 7 und 11 Uhr) und nüchtern das Gesamttestosteron gemessen wird. Akute Infekte oder Stress sollten dabei ausgeschlossen sein, da sie die Werte verfälschen können.

Die Grenzwerte unterscheiden sich leicht:

  • Nach der AUA (American Urological Association) gilt < 300 ng/dL (10,4 nmol/L) als erniedrigt.
  • Nach der Endocrine Society liegt die Untergrenze bei 264 ng/dL (9,2 nmol/L, CDC-harmonisiert).

Wenn die Werte unklar sind, wird zusätzlich das freie Testosteron sowie SHBG, LH (Luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikelstimulierendes Hormon) bestimmt. So kann man zwischen primären und sekundären Formen unterscheiden.

Darüber hinaus werden andere mögliche Ursachen abgeklärt: Schilddrüsenerkrankungen, Schlafapnoe (OSA = obstruktives Schlafapnoesyndrom), Depressionen, chronische Entzündungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Bei Verdacht auf eine Störung der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) können Prolaktinwerte und eine MRT-Untersuchung notwendig sein.

Besonders wichtig: Schlafmangel oder unbehandelte Schlafapnoe können den Testosteronspiegel deutlich senken – eine gute Schlafqualität gehört deshalb zur Therapie dazu.

Therapie: Ursache zuerst – Hormonersatz gezielt

Zuerst sollten die beeinflussbaren Faktoren angegangen werden. Gewichtsreduktion, insbesondere des viszeralen Bauchfetts, kombiniert mit regelmäßigem Kraft- und Ausdauertraining, ausreichend Schlaf, Stressabbau sowie der Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum können die Testosteronwerte stabilisieren.

Wenn jedoch ein gesicherter Hypogonadismus mit entsprechenden Beschwerden vorliegt, kommt eine Testosteronersatztherapie (TRT = Testosterone Replacement Therapy) in Frage. Ziel ist es, den Testosteronspiegel in den mittleren Normbereich junger Männer zu bringen und die Symptome zu lindern.

Mögliche Therapieformen sind:

  • Transdermale Gele oder Pflaster
  • Depot-Injektionen
  • Orale Präparate: Ältere Substanzen wie Methyltestosteron werden wegen Leberschäden nicht mehr eingesetzt. Neuere orale Formulierungen (z. B. Testosteronundecanoat, in Deutschland als Andriol® verfügbar) sind eine Option, spielen in der Praxis aber eine untergeordnete Rolle gegenüber Gelen und Injektionen.

Kontraindikationen sind u. a. aktiver Brust- oder Prostatakrebs, ein zu hoher Hämatokritwert, unbehandelte schwere Schlafapnoe, ausgeprägte Beschwerden beim Wasserlassen (LUTS = Lower Urinary Tract Symptoms, meist durch Prostatavergrößerung), ein frischer Herzinfarkt oder Schlaganfall, schwere Herzschwäche sowie Kinderwunsch (da TRT die Spermienproduktion unterdrückt).

Wichtig bei Kinderwunsch: Für Männer mit Hypogonadismus und Kinderwunsch stellt eine TRT keine Option dar, da sie die Spermienproduktion unterdrückt. In diesen Fällen können alternativ Clomifen (off-label) oder HCG (humanes Choriongonadotropin) eingesetzt werden, die den körpereigenen Testosteronspiegel anheben, ohne die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen.

Wirksamkeit und Sicherheit

Die Ergebnisse einer TRT sind realistisch, aber nicht spektakulär:

  • Die Libido und die sexuelle Funktion bessern sich oft, aber nicht immer deutlich.
  • Die Knochendichte kann zunehmen, ein sicherer Schutz vor Brüchen ist aber nicht belegt.
  • Eine Blutarmut (Anämie) wird häufig korrigiert, was Müdigkeit und Schwäche reduziert.
  • Stimmung und Stoffwechsel profitieren teilweise, allerdings sind die Effekte unterschiedlich ausgeprägt.

Sicherheit steht an erster Stelle. In der großen TRAVERSE-Studie (NEJM 2023) zeigte sich kein erhöhtes Risiko für MACE (Major Adverse Cardiovascular Events = schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulärer Tod). Etwas häufiger traten jedoch Vorhofflimmern, akutes Nierenversagen (AKI = Acute Kidney Injury) und Lungenembolien auf. Deshalb ist eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung Pflicht.

Die häufigste Nebenwirkung ist eine Blutverdickung (Erythrozytose). Steigt der Hämatokrit über 54 %, muss die Therapie angepasst oder pausiert werden. Auch die Prostata muss regelmäßig überwacht werden: PSA (Prostata-spezifisches Antigen) und die rektale Tastuntersuchung (DRE = Digitale Rektaluntersuchung) gehören zur Routine.

Monitoring in der Praxis

Vor Beginn einer Therapie erfolgen eine ausführliche Anamnese, körperliche Untersuchung, PSA-Bestimmung, DRE, Blutbild (Hb/Hämoglobin und Hkt/Hämatokrit) sowie die Kontrolle von Blutfetten und Zuckerwerten.

Nach dem Start sind Kontrollen nach 3, 6 und 12 Monaten üblich – Testosteron, Hämatokrit und PSA werden überprüft, bei Risikopatienten auch häufiger. Ziel ist ein stabiler Wert im mittleren Normbereich junger Männer.

Was Sie selbst tun können

Neben der ärztlichen Behandlung können Männer selbst viel beitragen: Bewegung (vor allem Krafttraining), Abbau von viszeralem Fett, Stress- und Schlafmanagement, Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum. Auch die Abklärung einer möglichen Schlafapnoe – etwa bei starkem Schnarchen oder Tagesmüdigkeit – ist wichtig.

Wann zum Urologen oder Andrologen?

Wenn über Wochen hinweg Symptome wie Libidoverlust, Erektionsstörungen, anhaltende Erschöpfung, ungeklärte Blutarmut oder Auffälligkeiten an Knochen oder Blutwerten auftreten, ist eine Abklärung sinnvoll. Spätestens wenn keine andere Erklärung erkennbar ist, sollte ein erfahrener Urologe oder Androloge aufgesucht werden.

Fazit

Testosteronmangel ist ein ernstzunehmendes, aber gut behandelbares Krankheitsbild. Eine zuverlässige Diagnose und die richtige Therapie verbessern nicht nur die Lebensqualität, sondern oft auch die allgemeine Gesundheit.

Die Urokompetenz Düsseldorf bietet Männern mit Testosteronmangel eine leitliniengerechte, moderne und individuell zugeschnittene Betreuung – mit dem Ziel, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität nachhaltig zu stärken.

AMS-Fragebogen (Aging Males’ Symptoms Score)

Selbsttest für Männer mit möglichen Beschwerden durch Testosteronmangel

Bitte bewerten Sie jedes Symptom danach, wie stark es in den letzten Wochen bei Ihnen aufgetreten ist: 0 = keine Beschwerden | 1 = leicht | 2 = mittel | 3 = stark | 4 = sehr stark

Auswertung:

Punkte addieren (0–68 Punkte möglich).

  • 17–26 Punkte: leichte Beschwerden
  • 27–36 Punkte: mäßige Beschwerden
  • ≥ 37 Punkte: schwere Beschwerden

Wichtig: Dieser Fragebogen ist ein Screening-Instrument, dessen Aussagekraft begrenzt ist. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Wenn Sie auffällige Werte oder mehrere Symptome haben, vereinbaren Sie bitte einen Termin bei einem Urologen oder Andrologen.