Worum geht es in der Studie?
Die IRRADIaTE‑Studie ist ein italienisches Register, das Männer erfasst, die nach einer Strahlentherapie (Radiation Therapy=RT) der Prostata wegen Krebs Monate bis Jahre später mit zum Teil schweren Harnwegsproblemen in der Notaufnahme oder zur dringlichen urologischen Vorstellung landen. Erfasst wurden nur Komplikationen, die sicher auf die Bestrahlung zurückzuführen waren und eine dringliche ärztliche Behandlung notwendig machten. Die Ergebnisse wurden aktuell in European Urology (https://doi.org/10.1016/j.euo.2026.01.005), der wichtigsten urologischen Fachzeitschrift weltweit, publiziert.
Insgesamt wurden 321 Patienten mit solchen RT-bedingten Problemen ausgewertet; etwa die Hälfte hatte die Bestrahlung als Primärtherapie, die andere Hälfte nach einer vorangegangenen Prostataentfernung (adjuvante oder Salvage‑RT). Die Studie beleuchtet die Unterschiede zwischen den verschiedenen Therapieoptionen.
Wie häufig waren schwere Probleme und Krankenhausaufenthalte?
Erfasst wurden schwere bis lebensbedrohliche urologische Nebenwirkung (CTCAE Grad 3–5). Typische Beschwerden waren:
- Ausgeprägte Beschwerden beim Wasserlassen (LUTS), Harnverhalt, Blasenentleerungsstörungen.
- Strikturen (Narbenverengungen) von Harnröhre oder Blasenhals.
- Fisteln (Verbindung z.B. zwischen Enddarm und Blase), Blutungen, komplizierte Infektionen und andere strukturelle Schäden an den Harnwegen.
Die Belastung für Patienten und Gesundheitssystem zeigt sich besonders an der Zahl der Klinikaufenthalte: Innerhalb von fünf Jahren nach Ende der Bestrahlung benötigten fast 60% der Patienten eine Krankenhausbehandlung.
Auch der Anteil der Patienten, die ohne größere Operation auskamen, nahm deutlich ab: Ein Jahr nach Bestrahlung benötigten noch 81% keine größere Operation, nach fünf Jahren waren es nur noch 66%.
Primäre Bestrahlung vs. Bestrahlung nach OP
Die IRRADIaTE‑Daten zeigen zudem, dass Patienten mit primärer Strahlentherapie (also ohne vorangegangene Prostataentfernung=Prostatektomie) ein höheres kumulatives Risiko für schwere urologische Komplikationen hatten als Patienten, die nach Operation adjuvant oder als Salvage bestrahlt wurden. In den statistischen Modellen zeigte sich eine höhere Wahrscheinlichkeit für schwere Ereignisse in der primären Bestrahlungsgruppe.
Die Autoren betonen jedoch ausdrücklich, dass diese Unterschiede nicht als „Beweis“ für die Überlegenheit einer bestimmten Therapie gewertet werden dürfen, weil die Gruppen sich z.B. im Alter und in der Begleiterkrankung unterschieden (ältere und kränkere Patienten wurden häufiger primär bestrahlt).
Für die Praxis heißt das:
- Bei jüngeren, fitteren Männern mit längerer Lebenserwartung sollte man im Rahmen der gemeinsamen Entscheidungsfindung deutlicher über mögliche späte, oft OP‑pflichtige Bestrahlungsfolgen sprechen und auch chirurgische Strategien (z.B. Prostataentfernung oder fokale Therapie) berücksichtigen.
- Bei Patienten mit begrenzter Lebenserwartung kann RT trotz des Risikos sinnvoll sein, weil sie die akuten Risiken einer Operation vermeidet.
Konsequenzen für Aufklärung und Nachsorge
Aus der Studie lassen sich mehrere praktische Botschaften ableiten:
- Späte urologische Nebenwirkungen nach Prostata‑RT sind nicht selten und oft behandlungsintensiv, wenn sie einmal auftreten.
- Beschwerden können noch viele Jahre nach Abschluss der Bestrahlung erstmalig auftreten (Median ca. zwei Jahre, Spannbreite deutlich länger).
- Viele Patienten benötigen wiederholte Eingriffe – zunächst endoskopisch (z.B. Dilatation/Resektion von Strikturen), ein Teil später auch größere Operationen.
Für die Aufklärung bedeutet das: Neben den bekannten unmittelbaren Nebenwirkungen (Miktionsstörungen, Inkontinenz, Sexualfunktion) sollte auch über das Risiko später schwerer Harnwegsprobleme gesprochen werden, die Krankenhausaufenthalte und Operationen nach sich ziehen können.
Diese Spätfolgen sind den Strahlentherapeuten oft nicht bewusst, da sich Patienten mit den genannten Komplikationen typischerweise urologisch vorstellen und auch nur durch Urologen behandelt werden können.
Was bedeutet das für Patienten in Deutschland?
Auch wenn IRRADIaTE ausschließlich italienische Zentren einbezieht, sind die grundsätzlichen Botschaften auf mitteleuropäische Versorgungssituationen übertragbar:
- Auch moderne Bestrahlungstechniken haben ein hohes Risiko für Langzeitkomplikationen.
- Die Entscheidung zwischen aktiver Überwachung, Operation und Bestrahlung sollte immer patientenindividuell getroffen werden – unter Einbeziehung von Tumorstadium, Lebenserwartung, Begleiterkrankungen und persönlichen Präferenzen.
- Wer sich für eine RT entscheidet, sollte wissen, dass urologische Beschwerden auch Jahre später noch auftreten können und rechtzeitig urologisch abgeklärt gehören, damit Komplikationen frühzeitig erkannt und behandelt werden.
Bei urokompetenz möchten wir Sie ermutigen, Fragen aktiv zu stellen und gemeinsam mit Ihrem Urologen oder Ihrer Urologin eine Behandlung zu wählen, die sowohl den Tumor als auch Ihre Lebensqualität im Blick hat – heute und in vielen Jahren.
Gerne stehen wir für eine Zweitmeinung zur Verfügung.




