Worum geht es in der LAPPRO‑Studie?
In Schweden wurden zwischen 2008 und 2011 mehr als 3500 Männer mit lokal begrenztem Prostatakrebs entweder mit einer roboterassistierten, laparoskopischen Prostatektomie (RAP) oder mit einer offenen Operation über einen Bauchschnitt (RRP) operiert.
Die LAPPRO‑Studie (EUROPEANUROLOGYONCOLOGY 8 (2025) 1524–1532) hat diese Männer nun über 12 Jahre begleitet und geschaut, wie viele an Prostatakrebs oder insgesamt verstorben sind.
Wichtig: Es handelt sich nicht um eine klassische randomisierte Studie, aber die Zuordnung zur Klinik (und damit zur Technik) erfolgte im Wesentlichen über den Wohnort – das reduziert bewusste „Auswahl“ durch Ärzte.
Was wurde verglichen?
Zwei Operationsverfahren standen im Fokus:
- Offene retropubische Prostatektomie (RRP)
Klassische OP mit Bauchschnitt, direkte Handarbeit des Chirurgen im OP‑Gebiet. - Roboterassistierte laparoskopische Prostatektomie (RAP)
Mehrere kleine Schnitte, der Chirurg steuert Instrumente über eine Konsole; Kamera mit starker Vergrößerung und sehr präzisen Instrumenten.
In die aktuelle Auswertung gingen 3583 Männer ein: 2698 wurden roboterassistiert, 885 offen operiert.
Die wichtigsten Ergebnisse nach 12 Jahren
1. Todesfälle durch Prostatakrebs
- in der Roboter‑Gruppe (RAP) 2,0% an Prostatakrebs verstorben (55 von 2698 Männern)
- in der offenen Gruppe (RRP) 4,5% (40 von 885 Männern)
Statistisch ergibt sich daraus ein um rund zwei Drittel geringeres relatives Risiko, an Prostatakrebs zu sterben, wenn roboterassistiert operiert wurde (Hazard Ratio 0,36).
Der Unterschied war besonders deutlich bei Männern mit höherem Risikoprofil (D’Amico‑High‑Risk).
2. Todesfälle insgesamt
- Insgesamt starben 14% der Männer nach RAP und 16% nach RRP innerhalb von 12 Jahren.
- Auch hier zeigte sich ein leichter Vorteil für die Roboter‑OP (Hazard Ratio 0,81; der Unterschied ist statistisch knapp signifikant).
3. „Resttumor“ und PSA‑Rückfall
- „Residuelle Krankheit“ (PSA noch messbar 3 Monate nach OP) war insgesamt ähnlich häufig, aber bei den Hochrisiko‑Patienten deutlich seltener nach RAP (6,5% vs. 20%).
- Reine PSA‑Rückfälle („biochemische Rezidive =BCR“) waren zwischen beiden Gruppen nicht klar verschieden – was zeigt, dass ein PSA‑Anstieg nicht automatisch etwas über die langfristige Überlebenschance sagt.
Wie sicher sind diese Ergebnisse?
Die Autor:innen betonen selbst:
- Die Studie ist beobachtend (nicht randomisiert), daher können nicht alle Störfaktoren sicher ausgeschlossen werden.
- Allerdings waren die Ausgangsdaten der Patienten sehr ähnlich, manche Faktoren (z.B. Tumorstadium) sogar leicht ungünstiger in der Roboter‑Gruppe.
- Die Technik wurde klinikweise eingesetzt (entweder nur RAP oder nur RRP pro Zentrum), was eine gezielte Auswahl von „einfacheren“ Fällen für den Roboter oder die offene OP unwahrscheinlicher macht.
- Zusätzliche Auswertungen (z.B. nur erfahrene Operateure, einzelne Kliniken aus der Analyse entfernen) haben das Ergebnis nicht grundlegend verändert.
Die Daten sprechen also deutlich für einen Vorteil der roboterassistierten Technik beim langjährigen prostatakrebsspezifischen Überleben – auch wenn man strenggenommen nicht von einem „bewiesenen“ Ursache‑Wirkungs‑Zusammenhang sprechen darf.
Was bedeutet das für Ihre persönliche Entscheidung?
Für Betroffene lassen sich aus LAPPRO und den anderen Studien einige praxisnahe Punkte ableiten:
- Beide Verfahren können heilen.
Sowohl offene als auch roboterassistierte Operationen sind bewährte Standardverfahren zur Heilung eines lokal begrenzten Prostatakarzinoms. - Der Roboter zeigt in dieser großen Langzeitstudie Vorteile beim krebsspezifischen Überleben.
Besonders bei höherem Risiko scheint die Chance, an Prostatakrebs zu sterben, nach RAP niedriger zu sein. - Erfahrung des Zentrums bleibt entscheidend.
- In LAPPRO waren viele erfahrene Operateure beteiligt, mit unterschiedlicher Fallzahl pro Jahr.
- Andere Daten zeigen: Hohe Fallzahlen und Routine im gewählten Verfahren sind für Kontinenz, Potenz und Krebsfreiheit sehr wichtig.
- Dies zeigt sich auch an unseren eigenen Daten: Bei T2 Tumoren haben wir positive Ränder in unter 1%, bei T3a Tumoren unter 5% und lebensqualitätseinschränkende Kontinenzprobleme kommen fast ausschließlich bei Patienten vor, die individuell negative Faktoren auf ihrer Seite haben.
- PSA‑Rückfall ist nicht gleich Todesurteil.
BCR (PSA‑Anstieg nach OP) sagt nur begrenzt etwas über das Sterberisiko – wichtig sind u.a. PSA‑Verdopplungszeit und Tumorgrad.
Hierzu gibt es differenzierte Empfehlungen in den aktuellen EAU‑Leitlinien. - Fragen, die Sie Ihrem Operateur stellen können:
- Wie viele Prostataoperationen führen Sie und Ihr Zentrum pro Jahr durch?
- Welche Technik setzen Sie bei mir ein – und warum?
- Wie sind Ihre eigenen Langzeitergebnisse zu Rückfall‑ und Sterberaten (wenn verfügbar)?
- Wie sehen Ihre Kontinenz‑ und Potenzraten nach 1–2 Jahren aus?
Fazit für Patient:innen
Die LAPPRO‑Studie stärkt die Position der roboterassistierten Prostatektomie: In diesem großen, über 12 Jahre nachverfolgten Patientenkollektiv war das Risiko, an Prostatakrebs zu sterben, nach Roboter‑OP etwa halb so hoch wie nach offener Operation.
Für Ihre persönliche Entscheidung sind aber nicht nur „Roboter vs. offen“ entscheidend, sondern vor allem:
- Ihr individuelles Tumorrisiko
- Ihre Lebenssituation und Ihre Prioritäten (z.B. Kontinenz, Sexualfunktion)
- die Erfahrung und Qualität des Zentrums mit der jeweiligen Technik
Auf urokompetenz.de möchten wir Sie ermutigen, diese Punkte offen mit Ihrem Urologen zu besprechen und sich bei Bedarf eine Zweitmeinung bei uns oder in einem anderen erfahrenen Zentrum einzuholen.
Mit einer Erfahrung von über 11.000 roboterassistierten Eingriffen verfügt Dr. Witt die größte Expertise in Europa auf dem Gebiet der Roboterchirurgie.


