Zwei Operationsarten, ein Ziel
Bei lokal begrenztem Prostatakrebs gibt es zwei etablierte Operationsverfahren:
- die „klassische“ offene retropubische Prostatektomie (RRP) mit Bauchschnitt
- die roboterassistierte Prostatektomie (RAP) mit mehreren kleinen Schnitten und einer OP‑Konsole
Beide Verfahren zielen darauf ab, den Tumor vollständig zu entfernen und den Krebs dauerhaft zu kontrollieren. Die Frage vieler Betroffener lautet: „Ist der Roboter automatisch besser – vor allem für Kontinenz und Potenz?“
Der Artikel von Mandal und Huber im Fachjournal „Die Urologie“ fasst aktuelle Studien zusammen und ordnet sie kritisch ein. Daraus lassen sich wichtige, gut verständliche Botschaften für Betroffene und Angehörige ableiten.
Was zeigt die neue Studie aus Brasilien?
Im Mittelpunkt steht eine randomisierte (zufällige Verteilung der Patienten) Studie von Nahas und Kolleg:innen.
- Über 300 Männer mit lokalisiertem Prostatakrebs wurden zufällig einer offenen OP (RRP) oder einer roboterassistierten OP (RAP) zugeteilt.
- Komplikationen in den ersten 90 Tagen waren in beiden Gruppen ähnlich häufig.
- Blutverlust und Krankenhausaufenthalt waren bei der Roboter‑OP geringer.
Besonders bedeutend für Patienten sind Kontinenz (Harnhalten) und Sexualfunktion:
- Kontinenz: Nach 3, 6 und 18 Monaten waren in der RAP‑Gruppe deutlich mehr Männer wieder „trocken“ (0 Vorlagen) als in der offenen Gruppe.
- Sexualfunktion: Nach RAP waren die Potenzraten im ersten Jahr höher als nach offener OP.
- Über 3 Jahre waren die Krebsergebnisse (z.B. PSA‑Verlauf, Rückfallrate) in beiden Gruppen vergleichbar.
Die Daten zeigen also einen deutlichen Vorteil für die roboterassistierte Operation.
Interpretation der Daten wichtig
Mandal und Huber betonen: Die Zahlen sind eindrucksvoll, aber man muss genau hinschauen.
- Die Studie lief in einem einzelnen Zentrum mit hoher Eingriffzahl in Brasilien.
- Für die Roboter‑OP gab es klare Mindestanforderungen an die Erfahrung der Operateure (mindestens 100 RAP), für die offene OP mindestens 300 RRP – das spiegelt die heutige Realität wider, in der viele Urologen viel häufiger mit dem Roboter operieren. Umso deutlicher wird der Vorteil des Werkzeugs Roboter, da die Operateure in der Roboter-Gruppe im Durchschnitt weniger Erfahrung aufwiesen.
- Im Vergleich zu anderen großen offenen Serien (z.B. aus Schweden, Deutschland oder den USA) schneidet die offene OP in dieser Studie deutlich schlechter ab – sowohl bei Kontinenz als auch bei Potenz.
Die Kernbotschaft: Nicht die Technik allein entscheidet, sondern vor allem:
- Erfahrung des Operateurs, des Teams und des Zentrums
- sorgfältige Erhaltung von Umgebungsstrukturen während der OP
- Die Daten aus unserer eigenen Klinik zeigen: wir erreichen deutlich bessere Resultate für Kontinenz und Potenz als die geschilderten guten Ergebnisse für den Roboterarm in der vorgestellten Studie. Dr. Witt hat eine Erfahrung von über 11.000 roboterassistierten Eingriffen und nicht „nur“ die 100 die für die Operateure in Brasilien galten
Was bedeutet das für Ihre Entscheidung?
Aus Patientensicht lassen sich aus der Gesamtschau folgende Punkte ableiten:
- Beide Verfahren sind onkologisch wirksam
Die Krebsergebnisse sind in den großen Studien vergleichbar – keine Technik ist „sicherer“ beim Tumor als die andere, wenn sie gut gemacht wird. - Der Roboter hat praktische Vorteile
- weniger Blutverlust
- kürzerer Krankenhausaufenthalt
- schnellere Erholung im Alltag
- Insgesamt bessere Ergebnisse für Kontinenz und Potenz
- Entscheidend sind diese Fragen an das Behandlungsteam
Statt nur zu fragen „Roboter oder offen?“, sind folgende Fragen wichtiger:- Wie viel Erfahrung haben Sie mit der Roboterchirurgie?
- Wie sind Ihre eigenen Kontinenz‑ und Potenzraten nach 12–24 Monaten?
- Welche Erfahrungen haben Sie speziell bei Männern in meinem Alter und mit meinem Tumorstadium?
- Ihre Ausgangssituation spielt eine große Rolle
Studien wie LAPPRO und HAROW zeigen: Alter, Begleiterkrankungen, Ausmaß der Möglichkeit der Nervenschonung und Vorbehandlungen an der Prostata (z.B. Ausschälung oder Bestrahlung) beeinflussen Kontinenz und Potenz gegebenenfalls stärker als die Wahl zwischen RAP und RRP.
Fazit
Die Wahl der Klinik und des Operateurs ist mindestens so wichtig wie die Wahl der Technik. Die beste Methode ist die, mit der Ihr Operateur viel Erfahrung hat und Ihnen ehrlich und transparent seine Ergebnisse darlegen kann.
Auf urokompetenz.de möchten wir Sie ermutigen, aktiv nachzufragen, sich Zweitmeinungen einzuholen und gemeinsam mit Ihrem Uro‑Team die Behandlung zu wählen, die zu Ihrem Tumor, Ihrer Lebenssituation und Ihren Prioritäten passt – nicht nur technisch, sondern auch menschlich.




